16.09.2021

Hüfthoch im Schnee

Anne Götz liebt Schweden. Seit Jahren führt sie die Gäste von andersweg.reisen durch das aufregende Land. Im Winter ist sie am liebsten in Schwedisch Lappland. Ein Reisebericht über vier unvergessliche Tage.

Unter mir erstrecken sich verschneite Wälder – soweit das Auge reicht. Ich bin im Anflug auf Arvidsjaur, den Startpunkt für mein Winterwochenende in Jokkmokk. Am kleinen Flughafen angekommen finde ich schnell meine Gäste und es geht los. Ich freue mich riesig – endlich bin ich wieder da, das erste Mal für dieses Jahr. Knapp zwei Stunden braucht der Bus, um nach Jokkmokk zu gelangen, kurz vorher entdecken wir die ersten Rentiere. Gemütlich stapfen sie über die verschneite Straße. Für mich ein vertrauter Anblick, aber meine Gäste sind ganz aus dem Häuschen.

Bis zur Hüfte im Schnee
Die Straße ist ansonsten leer, also können wir den Bus anhalten, sodass die Gäste aussteigen können. Einer ist besonders motiviert – mit seiner großen Kamera will er ganz nah an die halbwilden Tiere heran – ein Schritt ab der Straße und ich sehe nur noch einen sehr verdutzten Gesichtsausdruck: Der Mann ist bis zur Hüfte im Schnee versunken. Das tolle Foto macht er aber noch.

Letzter Stopp vor Jokkmokk ist ein ganz besonderer Ort: der Polarkreis. Nördlich davon herrschen eigene Naturgesetze. Im Sommer geht die Sonne nicht mehr unter, und im Winter für einige Zeit nicht mehr auf. Und nördlich des Polarkreises gibt es ein ganz besonderes Phänomen, das wir bei dieser Reise alle hoffen zu sehen: das magische Polarlicht.

Jedes Mal wieder Herzklopfen
Dann kommen wir in Jokkmokk an – jedes Mal bekomme ich Herzklopfen. Es sieht so heimelig aus – der viele Schnee, der an manchen Straßenecken zu meterhohen Hügeln zusammen geschoben ist und die hübschen kleinen Holzhäuschen, die immer mit vielen kleinen Lichtern dekoriert sind, auch nach der Weihnachtszeit. Nach dem Einchecken nehme ich die Gäste mit auf einen kleinen Orientierungsspaziergang – für die Gäste oft auch der erste Kontakt mit sehr niedrigen Temperaturen.

In letzter Zeit war es oft garnicht so kalt, nur um die -10 Grad, es können aber durchaus auch mal -20 Grad oder sogar noch kälter werden. Das ist dann ein Erlebnis für sich, von dem wir alle Zuhause erzählen werden. Aber auch die extreme Kälte lässt sich gut aushalten. Es fühlt sich ganz anders an als Zuhause. Zuhause ist man oft nicht kältegerecht gekleidet, und die Kälte ist feucht und kriecht unter die Kleidung.

Schneeschippen im T-Shirt
Hier in Jokkmokk ist die Kälte trocken, man trägt Schneehosen, warme Funktionsunterwäsche und eine dicke Jacke. So lässt es sich hier aushalten. Die Einheimischen hingegen sind abgehärtet und beim schnellen Schneeschippen vor der Haustür sieht man sie oft im T-Shirt. Ich bin jedes Mal beeindruckt.

Heute gehen alle früh ins Bett – viele sind früh aufgestanden und die klare, sauerstoffreiche Luft tut ihr übriges. Am nächsten Morgen treffen wir uns in der Lobby. Ein erstes Highlight wartet auf uns: die Fahrt mit dem Hundeschlitten. Nach Skabram, wo unsere Partner Matti und Stina ihren Huskykennel haben, fährt man nur fünf Minuten. Die knapp 50 sibirischen Husky hören wir direkt. Man glaubt bei einem Rudel Wölfe gelandet zu sein. Das Heulen hört aber auf, sobald die Fahrt beginnt. Dann ist es still. Jetzt hört man nur noch das Knirschen der Schlittenkufen auf dem Schnee.

Genuss in aller Ruhe
Beim Start über den zugefrorenen See ziehen die Hunde schnell an, dann verlangsamt sich das Tempo und man kann die Fahrt in aller Ruhe genießen. Es geht durch verschneite Moore mit kleinen Bäumchen und vorbei an den weiten Schnee-Ebenen der zugefrorenen Seen. Es ist wirklich magisch. Nach der Fahrt setze ich mich im Hotel Jokkmokk mit einem Kaffee vor den Kamin und schaue die Fotoausbeute an. Ein paar richtig coole Bilder sind diesmal dabei.

Der Nachmittag steht zur freien Verfügung. Die meisten Gäste erkunden die Stadt, schlendern durch die kleinen Geschäftchen oder decken sich im lokalen Supermarkt mit schwedischen Spezialitäten ein. Ich entspanne ein bisschen in der Sauna, auch darauf hatte ich mich schon seit Tagen gefreut. Ständig halte ich die Aurora-Forecast-App im Auge, die die Intensität der Sonnenstürme angibt und diese mit dem lokalen Wetterbericht kombiniert, sodass man sich gut die Chancen auf Polarlichter ausrechnen kann.

Das Wetter zieht sich zu
Heute sieht es leider nicht so gut aus – es könnte zwar Polarlicht sein, blöderweise zieht es sich aber immer mehr zu, sodass man wahrscheinlich keine Chance hat, etwas zu sehen. Morgen ist auch noch ein Tag, denke ich mir. Aber erstmal geht es am Sonntag zu meiner Freundin Helena – eine Samin. Die Samen sind die Urbevölkerung in Lappland und leben schon seit mehr als tausenden Jahren mit und von den Rentieren. Bei Helena haben wir die Möglichkeit, in das Leben der Samen einzutauchen.

Helenas Familie lebt noch verhältnismäßig traditionell – nomadisch wie früher lebt in Schweden kein Same mehr, alle sind heute modern, leben in Häusern, haben Handys, Autos und natürlich Schneemobile. Aber Helenas Familie lebt immer noch von und mit den Rentieren. Und davon berichtet sie uns, während wir eine Gruppe Rentiere beobachten, die sie über den Winter in ihrer Nähe hält. Sie erzählt uns, wie ein Jahr mit den Rentieren aussieht und schwärmt von den Sommern im Fjell.

In die Berge per Hubschrauber
Wann immer es die Umstände zulassen – in den langen schwedischen Sommerferien – hält sich nämlich die ganze Familie wieder in den Bergen auf, wo auch die Rentiere ihre Sommer verbringen. Keine Straße führt dort hin. Diesen Ort kann man nur nach langen Wanderungen erreichen – oder mit dem Hubschrauber, wie es Helenas Familie macht. Selbst das erst wenige Monate alte Enkelkind fliegt schon mit.

Danach setzten wir uns gemütlich in Helenas Zeltkota auf Rentierfelle und bei einem prasselnden Feuer lässt uns Helena traditionelles samisches Essen kosten. Nach dem Besuch riecht man zwar immer ein bisschen wie ein Schinken, so rauchig ist es in der Kota, aber man hat wirklich das Gefühl einen authentischen Eindruck gewonnen zu haben.

Als wir am Montag abreisen, haben wir das Gefühl, schon eine Woche hier oben verbracht zu haben. Mit den Polarlichtern hatten wir zwar kein Glück – leider! Aber das ist nur einer von vielen Gründen, sich nochmal auf den Weg zu machen – in den hohen Norden, in Europas letzte Wildnis!

Lust bekommen? Unsere viertägige Jokkmokk-Reise mit Direkflug von mehreren Flughäfen findet ihr unter diesem Artikel.

Hier finden Sie Reisen und Sehenswertes zum Artikel

Dieser Beitrag wurde geschrieben von:

Anne

Fremde Orte haben sie schon immer fasziniert. Anne hat schon über 30 Länder bereist, ist mit dem Motorrad durch Vietnam gefahren, hat die Besonderheiten laotischer Saunas erkundet und gestrandete Pickup-Trucks über Indiens Berge geschoben. Skandinavien ist ihr bei ihren Reisen besonders ans Herz gewachsen. Nach dem Geschichts-Studium bringt sie ferner nun als Stadtführerin Interessierten die Stadt Köln näher.


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